Nachdem wir uns erst zwei Monate zuvor getroffen hatten, brachten uns unstillbares Fernweh und spontane Abenteuerlust auf eine Idee. Zusammen würden wir den Planeten befahren. Inspiriert hatten uns die 26 Jahre Weltreise von Gunther Holtorf. Wir planten eine 350’000 km lange Reise mit dem Start der ersten Etappe von Alaska nach Argentinien.

Topher und ich hatten weder Geländeerfahrung noch Ahnung von Technik oder Overlanding. Da die Abreise bereits in einem Monat war, würden wir uns die unabdingbaren Kenntnisse erst unterwegs aneignen können.

Aufgrund der Eile waren wir sehr zurückhaltend mit Informationen zu unserer geplanten Expedition; unsere Freunde und Familie zu Hause in Neuseeland wussten von unseren Plänen nur wenig. Unser Ziel war es, die Expedition am ersten Tag vom nördlichsten Punkt Amerikas aus anzukündigen.

Live in Alaska

Wir flogen von Auckland nach Vancouver, Kanada, und trafen unseren dritten Reisebegleiter: Gunther, ein 2015er Jeep Wrangler Rubicon. Eine Woche später war er gepackt, mit einem Dachträger ausgestattet und einsatzbereit. Wir fuhren nach Norden Richtung Deadhorse, Alaska, dem Ausgangspunkt unserer Expedition. Nach 10 Tagen erreichten wir die abgelegene Bergbaustadt und das Ende der Strasse. 1100 Kilometer zuvor hatten wir den Polarkreis überquert, jetzt waren wir auf der North Slope mit schockierenden Temperaturen zwischen -15 und -30 Grad.

Gunther parkte draussen, wir sassen glücklich in einer Cafeteria voller Ölbohrarbeiter aus der Gegend. Ohne Mobilfunksignal mussten wir das WiFi nutzen, um unsere Freunde und Familie zu Hause einzuweihen. Nervös vor Aufregung verliessen wir unsere Komfortzone und liessen am 7. April 2018 um 20:00 Uhr die Expedition Erde vom Stapel. Wir fuhren unsere Website hoch, starteten Instagram, aktualisierten unseren Facebook-Status, schalteten Timer und Garmin GPS-Live-Tracker ein.

Die Message war eindeutig: Folgt der Expedition und unserem GPS-Link JETZT auf dem Weg nach Süden. Expedition Erde war live und unser Adrenalinspiegel stieg ins Unendliche. Wir hatten das Gefühl, plötzlich im Mittelpunkt der Welt zu stehen. Wir wurden mit Kommentaren überflutet, die Live Tracker-Klicks stiegen und stiegen.

Es war Zeit, uns auf die erste von drei Etappen zu begeben, unsere Fahrt von Alaska nach Argentinien. Wir eilten zu Gunther, umarmten und küssten uns, drehten am Zündschlüssel und – nichts. Ein nervöses Lachen, “Das glaub’ ich jetzt nicht”, und noch ein Versuch – nichts.

Wir wussten, dass bei diesen Temperaturen eine Standheizung von Nöten war, hatten aber nicht damit gerechnet, dass die Batterie in nur einer Stunde komplett leer sein würde. Wir überprüften die Systeme und stellten fest, dass Topher das Licht angelassen hatte.

Diese erste Herausforderung war spannend, da wir endlich unsere Bergeausrüstung ausprobieren konnten. Nach wenigen Minuten – die Zeit, in der das Personal die Cafeteria dicht machte und nach Hause ging – war klar, dass sich auch die Batterie unseres mobilen Starterkits in der unmenschlichen Kälte entladen hatte. Bei -30 Grad und mit eiskalten Händen sassen wir fest, nichts ging mehr.

Retter mit Fahne

Bei solchen Temperaturen und dem plötzlichen Zustrom von Anrufen und Nachrichten unserer Freunde und Familie starben auch unsere Telefonakkus schnell den Gefrier-Tod. Aber der Live Tracker lief…

Versucht mal jemanden zu finden, der hilft, dein Fahrzeug um 22:00 Uhr am Polarkreis zu starten. Das kann schwierig sein, besonders wenn du ein nüchternes Rettungsteam erwartest. Unser Retter in der Not erschien in einem brandneuen russischen Tundra. Als er sein Fenster öffnete, sahen und vor allem rochen wir einen modernen Piraten. Er plumpste vom Fahrersitz und war so betrunken, dass er vergessen hatte, wie man die Motorhaube öffnet. Schliesslich gelang es Topher, die Haube zu entriegeln. Gunther wurde wiederbelebt und wir konnten endlich losfahren.

Deprimiert versuchten wir beide, das sich ausbreitende Gefühl von Unzulänglichkeit in Sachen Technik und Mechanik mit Schweigen zu vertuschen.

Es war jetzt 22:45 Uhr. Wir würden unser Ziel für die Nacht nicht mehr erreichen, und dies war nur der erste von 1‘195 Tagen geplanter Reise. Hungrig, kalt und müde beschlossen wir, unser Lager gleich ausserhalb von Deadhorse aufzuschlagen. Wir fanden einen geeigneten Platz 30 Minuten vor der Stadt und begannen, uns für die Nacht einzurichten. In den nördlichen Regionen unserer Expedition wollten wir im Jeep schlafen und das Zelt in den wärmeren Klimazonen benutzen. Topher begann, die Betten zu machen, während ich das Abendessen vorbereitete.

Da wussten wir noch nicht, dass unser Essen auf dem Rücksitz eingefroren war. Nicht nur das, auch unser Trink- und Kochwasser war ein einziger Eisblock, und das Propangas für den Kocher hatte sich verflüssigt.

Um 1:00 Uhr morgens lagen wir im Bett, unser Live Tracker zeigte stolz unseren Standort nur 27 Kilometer hinter Deadhorse. Zweifel an unserer Reise über sieben Kontinente machten sich breit und wir begannen, Fragen zu stellen. Machen wir den grössten Fehler unseres Lebens? Bekommen wir unsere Ersparnisse zurück, wenn wir morgen alles verkaufen? Wie sollen wir das überleben?

Ein Jahr später: Topher ist gerade dabei, bei 40 Grad Hitze in Namibia unser Lager aufzuschlagen, während ich diesen Artikel schreibe. Letztes Jahr haben wir den amerikanischen Doppelkontinent in acht Monaten mit nur einer Reifenpanne gemeistert – ohne leere Batterien, ohne leere Tanks, ohne etwas verloren zu haben und ohne einen einzigen Kratzer an Gunther. Auf der zweiten Etappe unserer Reise reisen wir nun nach Ostafrika und über den Mittleren Osten zum nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap in Norwegen. Expedition Erde war die beste und aufregendste Entscheidung unseres Lebens.

Fotos: Bridget Thackwray und Topher Richwhite

image_pdfPDF