Babys werden überall geboren. Statt Kinderwagen, Wickelkommode, Babybettchen, Schwangerschaftskurs und medizinische Routinekontrollen, entscheiden wir uns für tausende Kilometer Überraschungspiste. “Immer ostwärts“ lautet der Reiseplan, dieses Mal mit Babybauch im sechsten Monat schwanger, unser fünfjähriger Sohn Noah bekommt ein Geschwisterchen. Und unsere Lust, die Welt zu entdecken, ist ungebrochen.

Die Idee für die Route stammt aus dem Jahre 2002. Damals hinderte uns Simons Motorradunfall an der Umsetzung, von Indien aus über China, die Mongolei und Russland nach Europa zu fahren.

Als unser erster Sohn Noah vier Jahre alt war, bauten wir unseren Bus familientauglich aus. Bevor die Schule losging, wollten wir reisen. Ein halbes Jahr erkundeten wir den Balkan. Über Ungarn bis zum Schwarzen Meer in Bulgarien, zurück entlang der Adria durch Albanien und Kroatien. In Rumänien genossen wir im Herbst zur prachtvollen Erntezeit aromatische, naturbelassene Früchte und Gemüse und herzlichste Gastfreundschaft. In Griechenland halfen wir einer Familie bei der Olivenernte und in ihrer Taverne. Zwischendrin hatten wir Zeit, am Olymp in Bergwaldduft zu wandern und am Bach zu spielen, an Stränden alles Mögliche zu sammeln und antike Stätten zu besuchen. Fort vom durchgetakteten Alltag, raus aus dem Haus, dauernd gemeinsam zu dritt im engen Bus, war eine Umstellung und es brauchte eine Weile, alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Aber wie wunderbar war es, ohne Zeitdruck zusammen sein zu können!

Als nächstes wollten wir die Schweiz als möglichen Lebensort kennenlernen. Ehe wir uns versahen, kamen wir in einen Alltagstrott, jeder von uns hatte seinen Arbeitsalltag. Zum Glück trauten wir uns bald, das zu tun, was sich stimmiger anfühlte: dem vielversprechenden Schweizer Leben, den unbefristeten Verträgen abzusagen – was zwar wehtat, denn es waren tolle Arbeitsstellen und ein vielseitiges Land. Im Mai arbeitete ich noch als Hebamme in der Geburtshilfe, im Juni befanden wir uns bereits auf Russlands Strassen. Tief in Russland wärmt die Sommersonne meinen wachsenden Bauch, duftende Blumenpracht, wilde Erdbeeren, russische Weite um uns, wieder Zeit als Familie zusammen, das rollende Heim dabei, vor uns die endlose Freiheit, was will ich mehr?

Noah, mittlerweile fünf Jahre alt, weiss von Balkanreisen, wie das Leben unterwegs spielen kann. Eine Tour ins Unbekannte kann abenteuerlich sein. Zum Glück ist er ein kleiner Abenteurer.

Er freut sich richtig, dass wir wieder losfahren. Lego, Bücher, Bastelzeug, Hörspiele und Knete sind für ihn während der Fahrt interessant; sobald wir anhalten, erkundet er die Umgebung und findet immer etwas, das seine Fantasie anregt. Uns Eltern springt in der Fremde dann für einen Moment das Kopfkino an: Ist dieses Natur-Etwas zu schmutzig oder gar gefährlich? “Mama, schau mal!”, ruft er und zeigt mir begeistert sein neues Lied; er trommelt rhythmisch mit langen Knochen auf einem ausgetrockneten Pferdekopf und singt dabei. An der wilden Wolga entdeckt er Fossilien! „Schaut euch DAS an!” Spannend wird es, als wir das Schlangenparadies um uns herum bemerken. Erst abgestreifte Schlangenhäute, dann sehen wir Schlangenköpfe aus dem Wasser ragen – und dann entdecken wir all jene, die neben uns am Ufer ihre Fische verspeisen. Dass andere Kinder fehlen, ist ein bisschen schade, aber nicht schlimm. Noah geht offen auf andere zu, findet in jedem Alter Kurzzeit-Freunde und lernt, dass zum Reisen das Lebewohl-Sagen dazu gehört. Er lebt im Jetzt, mehr als wir Erwachsenen. Wir sind miteinander vertraut, tüfteln zusammen an Lösungen und er schenkt uns mit seiner kindlichen Sichtweise neue Gesichtspunkte und lockert die Stimmung auf. Es macht Spass zusammen!

Das Baby heisst Huckelbaby

“Huckelpisten” findet Noah oberspitze. Unser Bauchbaby bekommt nun auch einen passenden Namen: Huckelbaby! Je weiter im Osten, desto abenteuerlicher die Strassen. Und je wackeliger, desto eher sitze ich selbst auf dem Fahrersitz: Er ist besser gefedert. “Wir machen die Tour nochmal, wenn du nicht schwanger bist, dann kann ich die tollen Pisten auch fahren!” Simon will auch fahren – aber Schwangere haben Vorfahrt. Mein Babybauch zeigt keinerlei Anzeichen, dass es ihm zu unverträglich ist. Zu Beginn, im ländlichen Tschechien sagte ich noch, “die Holperstrassen halte ich nicht lange aus!” Aber meine Reiselust war zu gross – rasch gehörte das alltägliche Gewackel dazu, abends das Nachvibrieren im Körper. Aus hunderten Kilometern werden tausende. Aus den Wolken vor uns werden die Wolken hinter uns. Der täglich früher aufgehenden Sonne entgegen. Neue Zeitzonen kommen und gehen. Und in uns macht sich ein eigenes Zeitgefühl breit, das erste Mal im Leben unabhängig von der Uhrzeit.

Zum Reisen ins Reisebüro

Manchmal fahren wir alleine im Nirgendwo. Einmal türmten sich dicke Wolkenfronten auf, Scheibenwischer können das Geprassel kaum von der Scheibe abhalten, der Wagen stemmt sich im Matsch gegen den Wind. „Wird schon richtig sein, die Strecke“. Die Kasachstan-Umgehung ist besonders wenig befahren im Vergleich zur Hauptroute. Kurz später klart es schon wieder auf und trocknet zügig. Plötzlich wird unsere Strasse zur staubigen Geländepiste, auf der es uns aus den Sitzen wirft. Durch jede kleinste Ritze dringt der feine Staub. Nach 10 Kilometern eine neue Strasse, Wellness pur für den Allerwertesten! Die Russen bauen ihre Strassen neu, überall von West nach Ost sind Baustellen.

Um Krasnojarsk geniessen wir eine zweispurige Superstrasse. Der Wald hört auf, es wird steppenartig. Seit langem schlafen wir wieder auf einer Autostoljanka, ein für wenige Rubel bewachter Rastplatz für Lkws, was wir zu Beginn der Reise öfter machten. Jetzt suchen wir meist Plätze in der Natur. Ein Plan, wie wir in 33 Tagen bis Ulaanbaatar in die Mongolei kommen, hilft bei der Orientierung. Laut Visa dürfen wir nur vier Wochen im Land sein. Wir sind schneller als der Plan, für die täglichen Strecken brauchen wir aber mehr Zeit als gedacht. Für 460 Kilometer von Samara bis Ufa brauchten wir achteinhalb Stunden, die längste Tagesstrecke. In Sibirien stresst uns das Pausieren eher, als dass wir uns erholen – Mücken schwärmen in Fahrtgeschwindigkeit neben unseren Fenstern. Rasch durch die Sumpfgebiete…Krasnojarsk, Irkutsk…am frühen Abend weiter bis zum Baikalufer.

Bis hierher lief die Fahrt absolut reibungslos. Wir sind begeistert von unserem pistentauglichen Bus. Bis zum Baikal war es gefühlt fast ein Katzensprung! Die Ankunft soll mit einem prächtigen Schmaus gefeiert werden. Aber durch den Sand am Flussufer kommt man nur mit Schwung und davon haben wir nicht genug. Die Reifen graben sich direkt am Ufer ein! Kein Allrad und keine Riesenräder – da müssen wir mit Muskelkraft nachhelfen. Mit Buddeln und Sandblechen. Zwei Stunden später feiern wir trotzdem.

Als schwangere Hebamme ist mir klar, auf was ich mich einlasse.

Untersuchungen, die ich für sinnvoll erachte, liess ich vorher machen. Unterwegs überwache ich mich selbst mit mitgebrachten Hilfsmitteln. Sollte ich mich unwohl fühlen, nehme ich Kontakt mit einer deutschen Kollegin oder Ärztin auf, begebe mich bei Bedarf im Ausland zum Arzt oder fliege zurück. Unsere Reisekrankenversicherung übernimmt Organisation und Kosten im Krankheitsfall, aber keine normalen Vorsorgeuntersuchungen oder Geburtskosten. Meine Schwangerschaft verläuft bestens, ich benötige nichts davon. Das isolierte Reisen fern der vertrauten Welt und dem sozialen Umfeld führt dazu, dass ich mein Baby und mich selbst intensiver wahrnehme. Wenig abgelenkt von Arbeitsalltag, Meinungen anderer oder dem Ergebnis maschineller Untersuchungen bedeutet, dass ich mich mehr auf mich verlassen muss. Seltsam unbekannt, aber schön. Statt mehr Angst zu entwickeln, habe ich Vertrauen.

In der Mongolei werden wir uns für einen Geburtsort entscheiden.

Die Tour verlangt, den Kopf im Jetzt zu haben. Die Strecke braucht Aufmerksamkeit, genauso wie jeder neue Tag im Unbekannten – und langfristige Organisation. In Ulan-Ude schockiert uns die mongolische Botschaft. “Keine Visa möglich…nein, nein.” – “But we need visa for Mongolia. We have to leave Russia in five days…why is it not possible?” – “Here it is not possible!” Zum Glück wissen wir bald, dass wir beim Reisebüro besser dran sind. 20 Euro pro Kopf mehr, dafür versprechen uns die beiden alten Damen in ihrem kleinen, chaotischen Büro, dass wir übermorgen unsere fertigen Pässe zurückhaben. Und das haben wir! Sofort geht’s weiter, nur zwei Tage haben wir noch. Mit acht Einkaufstüten, einem grossen Kartoffelsack, vielen Litern Trinkwasser und Getränken kehren wir vom Supermarkt zurück zum Bus. Das soll reichen für unser Vorhaben, erst zwei bis drei Wochen ins Landesinnere der Mongolei zu reisen, bevor wir Ulaanbaatar erreichen. Mein Status als schwangere Vegetarierin ist nicht gerade die ideale Voraussetzung für eine Reise in das fleischreiche, karge und trockene Land.

Mongolische Tristess und Herzlichkeit

Sofort hinter der Grenze zeigt sich die Mongolei landestypisch: oben blau, unten grün, und kleine weisse Flecken; Himmel, Wiese, Jurten und Schafe. Von der geteerten Hauptstrasse nach Ulaanbaatar biegen wir bald westwärts ab. Auf der Piste purzelt sämtlicher Businhalt durcheinander. Bald kriechen wir einen Berghang entlang – nicht vertikal, sondern in Schräglage. Fühlt sich nach Umkippen an. “Das Gewicht ist unten”, versucht Simon mich zu beruhigen. Wie oft zuvor denke ich, “Die schlimmste Piste, die wir hatten!” Kurz darauf stehen wir vor einem Fluss. Keine Idee, wie man am besten durchfährt. Also Wassertiefe und Bodenkonsistenz prüfen. Noah und Simon stapfen, waten hierhin und dorthin, während ich erst einen Lachanfall bekomme, was wir hier eigentlich machen, und dann besorgt zur Umkehr aufrufe. Aber Simon fährt durch. Problemlos.

Die Breite und Tiefe des Flusses gehörte bald zur Normalität! Einfach durch – ohne Test! Schliesslich kommen wir nach drei Stunden und 35 Kilometern “aufregendster Piste ever” ans Talende. Das ist es wert! Gegenüber am Berghang thront eine buddhistische Tempelanlage. Amarbayasgalant. Hier herrscht Stille und Idylle. Die Mongolen im Tal treiben zu Pferde oder auf dem Motorrad die Tiere zusammen und bringen sie neben ihre Jurten. Jede Jurte hat eine Satellitenschüssel und einen qualmenden Schornstein. Eine Stromleitung verläuft parallel unserer Strecke durch dieses Tal. Jetzt verdauen wir erstmal die Piste. Das, was sie in uns auslöste, Reifenumdrehung für Reifenumdrehung. Die Reise ist auch eine psychische Aufarbeitung, kein Weg führt daran vorbei!

Flussdurchfahrten und Schrägfahren

Konzentriert komme ich im Landesinneren mit 10, 30 und manchmal sogar 50 km/h voran. Gegen den Fahrlärm muss ich anschreien. “Achtung! Huckel…Achtung! Loch…” Es poltert und rüttelt, es schwankt und wankt, mal hoch mal runter, mal links mal rechts. Unvorhersehbar. Manchmal folgt auch ein “Sorry, Leute, das habe ich jetzt unterschätzt.” Alles ist extra gut abgesichert, Türen werden mit Gurten gegen das Aufspringen gesichert. Was da wohl für ein Baby rauskommt, das diese Pisten mitmacht? Manchmal ist die Piste zu schlecht, dann weiche ich auf daneben aus. Aber daneben ist Steppe, Weideland. Unzählige, eingefahrene Wege ziehen sich parallel auf viel befahrenen Strecken durchs Land. Flussdurchfahrten und Schrägfahren gehören regelmässig dazu. Unser Navi leitet uns zuverlässig ans Ziel. Schilder, die den Weg weisen, gibt’s nicht in der Steppe. Nur einmal stehen wir vor einem Fluss, der über Nacht um einen Meter angeschwollen ist. Auf der anderen Seite liegt unser Ziel, heisse Schwefelquellen. Eine Umfahrung des Flusses würde uns den ganzen Tag kosten. Simon ist drauf und dran es zu probieren. Das Pferd, das einen Mongolen auf die andere Seite bringt, taucht bis zur Schulter ein und treibt etwas ab. Der Mongole bietet Simon an, ihn mit dem Trecker raus zu ziehen, wenn’s nicht klappen sollte. Aber ich bin auch noch da. “Nein, nein, nein”, hämmert es in meinem Kopf. “Ich will einen heilen Bus und keine extremen Manöver knapp sieben Wochen vor meiner Geburt.” Ich setze mich durch. Diesmal hat das Abenteuer keine Priorität! Am nächsten Abend sind wir bei den Schwefelquellen, ein heisses Bad – wie wunderbar! Die Stille der Steppe ist einzigartig. Weit und breit nur wir, der Steppenwind saust uns um die Ohren, die Sonne scheint. Gerade in dieser unendlichen Weite spürt man sich selbst deutlich. Nur ich und mein Babybauch. Und meine Liebsten in der Nähe.

Die Mongolen begegnen uns freundlich lächelnd, neugierig und direkt. Anhupen, zuwinken, neben uns anhalten, gucken – einmal steigt ein Reiter in den Bus, nimmt Platz, hält seine Pferdezügel, isst wie selbstverständlich mit – vermutlich das erste Mal in seinem Leben eine rein vegetarische Speise und Aachener Printen zum Nachtisch. Sein langer Mantel wiegt schwer vor “Dreck”. Aber hier bekommt “Dreck“ einen anderen Stellenwert. Wassermangel, Tierverwertung, Fette, Naturnähe, Staub, das Leben bringt völlig andere Bedingungen mit sich als bei uns daheim, wo schon ein Fleck auf dem T-Shirt auffällt. Dann lädt er Noah aufs Pferd ein. In der Abendsonne über den Steppenhügeln schauen wir den beiden zu und lauschen dem schönen mongolischen Obertongesang des Reiters.

Die Geburt naht

Mehr und mehr neige ich dazu, keine langen Strecken mehr zu laufen. Ich bin froh, wenn wir in den Bus steigen und weiterfahren Richtung Stadt. Es wird Zeit! In meinem Kopf wuselt die Organisation der anstehenden Geburt. Wir streifen eine kleine Wüstenlandschaft. Simon und Noah reiten auf einem Kamel. Ich mache Fotos und renne hinterher, ganz schön schnell die Viecher! Eine Sandkuhle sieht einladend aus, zum Ausruhen, sie ist supergemütlich. “Das wäre doch ein netter Geburtsort!”, erwische ich meine Gedanken. Halt, ich bin eine Frau aus dem Westen – der Verstand zählt – “Quatsch!”, bewerte ich, “es könnte dies und das passieren. Sei vorsichtig. Kontrolle ist besser als Vertrauen.”

Mein Abenteuer ist schon aufregend genug, ich muss es nicht auf die Spitze treiben. Ausserdem wird es in der Mongolei schnell kalt! Deswegen würde ich lieber nicht hier bleiben. Spannend, wie sich festgefahrene Denkweisen zeigen. Richtung Stadt nimmt die Besiedlung zu. Dann sehen wir ihn, hinter den Hügeln! Den grauen Schleier. “Wird Ulaanbaatar sein.” Also rein in die Dunstglocke, leider. Schwanger in so einen Mief…oh weh! Einen ganzen Monat bleiben wir. Alles geht schleppend. Die Stadt platzt aus allen Nähten, überall wird gebaut, es gibt zu viele Fahrzeuge für die Strassen, ständig Stau.

In Russland haben wir von Franzosen die Adresse eines Stellplatzes bei einem Gästehaus nahe der Innenstadt bekommen. Das ist unsere Basis, 15 Euro kostet die Nacht. Dafür gibt es den Komfort, den wir in unserer Situation brauchen. Internet, Waschmaschine, einen wunderschönen kleinen Garten, ein Restaurant, Austausch mit anderen Reisenden und einen nahen Supermarkt. Wäre nicht der Stadtmief und der Nachbar, der immer wieder hinter dem Zaun seine Matratzen abfackeln will, so dass Simon ihn mehrmals stoppen muss! Im Internet recherchiere ich, wo ich in Asien eine Auswahl an verschiedenen ausserklinischen, fachkompetenten Geburtsorten habe. Bei Nichtgefallen des Geburtshauses brauche ich Alternativen. Eine Klinik kommt für mich nicht in Frage, sollte aber mit einem Geburtshaus zusammenarbeiten. In ganz Asien finde ich nur einen Ort, der meine Ansprüche erfüllt. Nun müssen wir alles in der vorgegebenen Zeit erledigen: Verlängerung unseres Mongoleiaufenthaltes, Visa-Antrag, Art der Weiterreise. Ein Guide für eine Chinadurchreise ist uns zu teuer und zu kompliziert. Schweren Herzens entscheiden wir uns, den Bus in Ulaanbaatar zu lassen und weiterzufliegen.

Ein letztes Mal fahren wir raus aus der Stadt in den Nationalpark, die kurze Piste ist kaum noch erträglich für mich. Wir bleiben ein paar Tage am Fluss und geniessen die frische Luft. Es ist mein Geburtstag. Vollmond. In der Nacht werde ich wach und lausche. Gesänge? Ich schaue raus und entdecke an einem grossen Baum in der Nähe eine Gruppe von Frauen und Männern, die im Kreis stehen, lachen, tanzen und mongolische Lieder singen.

Das Baby kommt

Drei Wochen vor dem Geburtstermin darf uns offiziell nur noch die Fluglinie über Südkorea mitnehmen. Ein Attest über meine Flugtauglichkeit habe ich vorher im Krankenhaus besorgt, die Ärzte haben über die grosse Nase meines Babys im Ultraschall gestaunt. Unseren Bus haben wir bei einem Lkw-Unternehmen abgestellt. Wir sind froh, endlich die Stadt zu verlassen, aber ohne Bus auch wehmütig. Der Flug bringt uns abrupt in eine völlig andere Welt. Wir landen dort, wo Simon und ich uns vor elf Jahren kennenlernten. Zur Geburt unseres zweiten Kindes sind wir zurück! Die Luft ist dick, heiss und feucht. Indien zur Nachmonsunzeit.

“In Indien ist alles möglich”, war 2002 mein Leitspruch, als ich ein Jahr lang hier verbrachte. Eigentlich darf mich schwanger nach der 36. Woche keine indische Fluggesellschaft mehr mitnehmen. Ich versuche es trotzdem und kaufe Tickets zum Weiterflug. Als wir im Flieger schon angeschnallt sitzen, verlangt der Pilot mein Attest, lässt es aber durchgehen. “In one hour we’ll be there!”, lacht die Stewardess. Yeah! Die ersten Tage wohnen wir direkt am Strand und gewöhnen uns an den 30-Grad-Temperaturunterschied; es gibt frische Früchte und Kokosnüsse. Das erste Geburtshaus entpuppt sich tatsächlich als Reinfall, es ist kein bisschen so, wie im Internet dargestellt und telefonisch ausgekundschaftet. Zufällig treffe ich eine deutsche Hausgeburts-Hebamme, die seit Jahrzehnten in Goa tätig ist. Dank Corinna finden wir eine schöne Wohnung mit Komfort wie westlicher Toilette, Waschmaschine und Pool. Kaum ziehen wir ein, so als hätte ich das Zeichen “Alles erledigt! Wir sind am Ort!” gegeben, macht sich unser Huckelbaby auf den Weg. Nach einer “Wir besorgen schnell noch alles”-Tour mit dem Taxi kommt am Abend Finn im Pool zur Welt. Alles ist entspannt und prima, er kam ein wenig vor Termin, genau einen Vollmond nach meinem Geburtstag. Unser zweites Vollmondbaby!

Ab jetzt ist Ruhe angesagt. Das ist komisch nach so viel Hin und Her in den letzten Monaten. Simon und Noah fahren jetzt mit einem Roller, lernen Familien und eine internationale Schule kennen. Indische Wochenbettmassagen, leckeres Essen, Strandspaziergänge mit Baby in der Trage – perfekt. Ein halbes Jahr bleiben wir. Die selbstbestimmte Art zu reisen vermissen wir, unseren Bus hätten wir gerne vor der Tür stehen. Dem Overlander-Stellplatz in Agonda fühlen wir uns mehr zugehörig als unserer Strandhütte. Aber unser Bus ist nicht mehr in Asien! In Ulaanbaatar hatten wir einen Österreicher kennengelernt und ihm unseren Bus zur Rückfahrt anvertraut. Gerne wären wir mit dem Baby in die Mongolei zurückgekehrt.

Im Februar kommen wir in Sandalen in Bayern an. Simon holt unseren Bus ab. Der Freude folgt ein Schock. Viel ist nicht mehr vorhanden, geklaut, in der Mongolei “vergessen”, abgefallen, abgefahren. Ich hatte ihn super geputzt hinterlassen, davon ist nichts mehr zu sehen. Mäuse, russisches Schokoladenpapier, Müll, alles angenagt, vollgekackt und eingepinkelt, kaputt… Viel Arbeit wartet auf uns! Der Österreicher fühlt sich wohl nicht mehr zuständig. Immerhin haben wir unseren Bus zurück. Im Frühling fahren wir in die deutsche Bodensee-Ecke, die uns zuvor von der Schweiz aus so gut gefallen hatte, und bleiben. Für Noah beginnt die Schule und wir richten uns im deutschen Alltag ein. Wie Aliens fühlen wir uns, vermissen die Leichtigkeit und Freiheit.

Vier Jahre später brechen wir wieder auf, die Jungs sind 5 und 11, der Bus ist gealtert, verändert ausgebaut und langsamer, dafür geruhsamer. Schwanger zu reisen, war für mich eine tolle Erfahrung, die mir neue Wahrnehmungen schenkte. Ich bin dankbar, wie sich alles fliessend ergeben hat. Nun kriegen wir unseren Kopf wieder frei vom stressigen Alltag, aber vor allem von alten Mustern, wie man als Familie zu leben hat. Wichtig ist uns, mehr Zeit gemeinsam zu verbringen; die Kinder werden schnell gross.

Fotos: Anne-Silja Schmidt-Winkler

image_pdfPRINT