Fotografieren von Menschen fremder Kulturen

Gute Fotos von Menschen in fremden Kulturen zu machen verlangt viel Einfühlungsvermögen. Die Technik tritt dabei meist in den Hintergrund.

Vor Jahren sah ich in Punakha Dzong, Bhutan, eine Horde von Touristen eine junge einheimische Frau umringen. Im Innenhof des Klosters hielten sie ihr Kameras, Smartphones und iPads nahe ans Gesicht und knipsten los. Die Frau, die in der Runde umlagert war wie ein Filmstar von Paparazzi, sah ängstlich, verwirrt und zutiefst unwohl aus. Fotografen nennen dies “Menschenzoo”, wenn Hobbyfotografen oder Touristen mit Kameras fremde Völker wie exotische Kreaturen behandeln und vorführen, statt die realen Menschen mit ihren wahren Gefühlen zu sehen. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, ob das Fotografieren von Menschen und Kulturen respektvoll, hilfreich oder gar ausbeuterisch ist. Hierzu findet man gute Debatten vor allem online – aber der „Menschenzoo“ ist ganz offensichtlich der falsche Weg.

Zum einen liefert er meist schreckliche Fotos. Ich wette, dass jene Touristen, wenn sie ihre Bilder zuhause sortierten, die nervösen Blicke des Mädchens in die Menge sahen, ihr Gesicht von einem Ausdruck der Verwirrung oder Angst getrübt; diese Fotos wurden dann wahrscheinlich gelöscht oder genauso gedankenlos, wie sie aufgenommen wurden, übergangen. Aber vor allem ist es falsch, eine andere Person als blosses Objekt der Neugierde auf ein Bild zu bannen. Diese Methode kennt kein “Hallo”, keinen Händedruck, kein Lächeln oder andere Interaktion. Nur ein schnelles, egoistisches Klicken auf den Auslöser. Die Person auf der anderen Seite der Linse wird sich wahrscheinlich ausgenutzt und entmenschlicht fühlen.

ZEIGE INTERESSE AN DEN KULTUREN

Ein solches Verhalten verfehlt auch den Sinn der Fotografie, nämlich Geschichten zu erzählen. Um eine einzigartige Sichtweise auf ein Thema zu entwickeln, sei es ein Ort oder eine Kultur, musst du zunächst etwas darüber lernen. Unterhalte dich, hör zu und stelle Fragen – und deine Bilder werden widerspiegeln, was du erfahren hast und was dich beschäftigt. Dieser Prozess ist einer der lohnendsten Aspekte des Fotografierens.

Es lag mir nie, Fremde im Ausland anzusprechen. Aber die Fotografie eröffnet neue Welten. In den letzten 15 Jahren bin ich von abgelegenen Dörfern im äthiopischen Hochland in die Favelas Brasiliens gereist, habe Orte erkundet und Menschen aus ganz anderen Kulturen als meine eigene getroffen. Ohne Kamera wäre es nie zu diesen Begegnungen gekommen. Die Fotografie kann einige der denkwürdigsten Erfahrungen im Leben hervorbringen und dir ein tieferes Verständnis für die Welt und ihre Bewohner vermitteln.

NIMM DIR ZEIT FÜR DIE MENSCHEN

Zeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Fotografie. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ein Bild mit Tiefgang zu erstellen, bedeutet oft, eine Verbindung zum Motiv herzustellen. Einmal arbeitete ich in Botswanas Makgadikgadi-Salzpfannne mit Angehörigen des Jul’hoansi-Stamm des San-Volkes, die gerne über ihre Traditionen, veränderte Lebensweisen, die Auswirkungen der Diamantförderung und des Safari-Tourismus sprachen. Wir verbrachten einen ganzen Tag im Gespräch, meist mit der Kamera auf dem Boden.

In den abgelegenen Bergen im Norden Thailands traf ich verschiedene Bergvölker wie die Lahu Nyi, wohnte in ihren Häusern, traf ihre Familien und erfuhr, wie sich das Leben in der Region veränderte. Es blieb viel Zeit zum Reden. Bei ein paar Gläsern Whiskey tauschten wir Ideen, Geschichten und Details aus unserem Leben aus. Stunden oder Tage mit Leuten zu verbringen, die du fotografierst, bedeutet, dass du viel dazulernst und einen wirklichen Einblick bekommst, anstatt nur schnelle Schnappschüsse zu machen.

Normalerweise erkläre ich den Locals warum ich dort bin und vergewissere mich, ob die Leute überhaupt fotografiert werden wollen. Dann versuche ich unsichtbar zu werden, ein Teil der Landschaft. So ist es einfacher, natürliche Aufnahmen von Menschen in ihrem Alltag zu machen.

GEZIELT FOTOGRAFIEREN

Vielleicht weil ich mich selbst nie gerne habe fotografieren lassen, bin ich sensibel dafür, wie sich andere im Rampenlicht fühlen könnten. Daher hat es mich über die Jahre immer wieder überrascht, wie zuvorkommend Menschen sind, wenn man sie wie eine Person behandelt und natürlich interagiert, statt ihnen einfach die Kamera ins Gesicht zu halten.

Viele erzählen ihre Geschichte gerne. Ich habe Themen von Menschenhandel über Zwangsräumungen bis hin zu Naturschutz behandelt und diese Leute schätzten die Veröffentlichung der Bilder.

Vor einigen Jahren reiste ich in das peruanische Amazonasgebiet, um den Stamm der Asháninka zu treffen, der für die Rettung ihres Landes kämpft, da ein geplanter grosser Staudamm 750 Quadratkilometer Wald überflutet hätte. Wir kommunizierten über einen Übersetzer, assen gemeinsam, tranken ein fermentiertes, rosa Yucca-Getränk und sprachen über ihr Leben, ihre Familien und ihre Verbundenheit mit dem Wald. Es war wichtig, eine Beziehung zu den Asháninka aufzubauen und das Ergebnis waren Bilder, die etwas Persönliches über den Stamm und das, was er zu verlieren hatte, vermittelten.

In El Salvador fotografierte ich einen Mann namens Wilbur Castillo, der zwei Jahrzehnte zuvor als Kindersoldat im Bürgerkrieg gekämpft hatte und seitdem mit dem Leben rang. Nachdem er etwa eine Stunde lang gesprochen und ich sein Bild vor dem Rathaus aufgenommen hatte, dankte er mir. Er erzählte, dass ihm noch nie jemand Fragen über sein Leben oder seine Erfahrungen gestellt hatte.

Diese Art von Geschichten, die von der Welt vergessen oder ignoriert werden, sind oft die befriedigendsten, an denen man arbeiten kann. Neben dem Fotografieren ist das Kennenlernen der Menschen eines der grossen Vergnügen des Reisefotografen.

BARRIEREN NIEDERREISSEN

Letztes Jahr habe ich eine Foto-Tour durch Albanien geleitet. In der Stadt Gjirokastër bekamen die Teilnehmer die Aufgabe, eine Serie Bilder von einem Einheimischen zu schiessen. Sie wurden technisch zu Porträtaufnahmen beraten und erhielten Vorschläge zum Umgang mit ihren Probanden. Ziel war es, nicht nur mit Bildern, sondern auch mit dem Namen der Person und interessanten Informationen über sie zurückzukehren. Kurz gesagt, sie sollten Fotojournalisten werden.

Stunden später in einem Café war die Gruppe voller Begeisterung. Die Übung hatte sie aus ihrer Komfortzone gedrängt. Bei der Fotografie geht es nicht nur um Kamerabeherrschung und Komposition, sondern auch um soziale Kompetenz. Menschen müssen sich in deiner Anwesenheit wohlfühlen. Wenn du ängstlich und ungeschickt bist, überträgt sich das auf die Person, die du fotografieren willst. Schlimmer noch, bist du unfreundlich oder unhöflich, wirst du wohl kaum Freundlichkeit oder Unterstützung erfahren. Egal wie viel Zeit du hast, es geht immer darum, Vertrauen und eine Art Beziehung aufzubauen.

LÄCHLE DIE MENSCHEN AN

Ein Lächeln bringt viel. Manchmal ist es nicht möglich, vor dem Fotoshoot Stunden oder Tage mit jemandem zu verbringen. In diesen Fällen helfen in der Regel ein aufrichtiges Lächeln, Augenkontakt, auf die Kamera zeigen und vielleicht hoffnungsvoll “Okay?” fragen, um das Einverständnis zu bekommen. Menschen auf der ganzen Welt sind viel freundlicher und hilfsbereiter, als wir denken oder von den Medien dargestellt. In jedem Land, in dem ich gearbeitet habe, waren die Einheimischen sehr herzlich und glücklich, einem Fremden zu helfen.

Ich vermeide für Fotos von Personen zu bezahlen, da dies Situationen heraufbeschwört, in denen sie Kostüme tragen oder „lokale Bräuche” nur für Touristen vorführen. Das wirkt künstlich und kann der lokalen Kultur schaden.

Wenn es jemand ablehnt, fotografiere ich ihn auch nicht. Aber ich laufe oft durch einen Ort und mache Aufnahmen von Menschen, ohne dass sie es wissen, sei es diskret mit dem Zoom oder schnell, bevor sie meine Kamera bemerken. Beispielsweise ziehen es einige Menschen in Marokko, insbesondere ältere Frauen, vor, sich nicht fotografieren zu lassen. Suche in diesem Fall das Gespräch mit Leuten an Marktständen oder in Bäckereien, die nichts dagegen haben, fotografiert zu werden oder fotografiere sie im Gedränge oder beim Schlangenstehen, um ein Gefühl von ihrem Alltag zu vermitteln.

Im Punakha Dzong-Kloster in Bhutan fotografierte ich auch Einheimische, aber mit Respekt. Manchmal bedeutete das, zuerst das Gespräch zu suchen, andere Male schoss ich Fotos aus der Ferne. Ich bemerkte eine junge Frau auf einem Balkon und fotografierte sie mit einem Zoom. Die Frau sah dies, wir hatten Augenkontakt, ich lächelte und sie lächelte zurück. Sie schaute in meine Linse, während ich ein paar Fotos machte; dann schaute sie wieder vom Balkon aus in die Ferne, während ich weiter fotografierte; zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, ihren Tag ruiniert zu haben oder respektlos gewesen zu sein.

Nicht alle Fotos können das Ergebnis einer Zusammenarbeit sein oder im Voraus vereinbart werden. Strassenaufnahmen funktionieren am besten, wenn sie spontan das Leben in Bewegung einfangen. Solche Bilder favorisiere ich zunehmend, denn sie sind natürlich und unverfälscht. Ein kurzer Moment im Leben einer Person oder eines Ortes.

Auf den Strassen von Havanna oder Luang Prabang will ich nicht, dass Menschen für die Kamera posieren und ihr Verhalten ändern – ich will das Authentische zeigen. Auch hier geht es um Respekt und den sinnvollen Dialog mit einem Ort oder einer Kultur. Es ist leicht, sich in offensichtlichen Details zu verlieren, aber je mehr man unter die Oberfläche geht, desto mehr gibt es zu sehen, nachzudenken und zu kommunizieren. Deine Fotos haben dann eine tiefere Bedeutung.

Auf der ganzen Welt sind Menschen unendlich faszinierend. Das Letzte, was du mit deinen Fotos erreichen willst, ist, sie auf falsche Art abzubilden.